Erzieherausbildung: Fachschule in Lingen stellt sich in Corona-Zeiten um / Vorgezogenes Examen

Lingen Mitten im Schwerpunktpraktikum hat es sie erwischt: Claudia Rohoff hatte gerade erst in der Kindertagesstätte St. Bernadette
in Geeste-Dalum angefangen; Marvin Bahns hatte sich in die Belange der Wohngruppe des Christophorus-Werks in der Lingener Wald-
straße eben eingearbeitet. Die beiden sind Schüler der Fachschule St. Franziskus und stecken derzeit in den Vorbereitungen zu ihrem
Erzieherexamen. Am 13. März endete ihr Praktikum; das Coronavirus machte der Weiterbe-schäftigung für die beiden Auszubildenden
einen Strich durch die Rechnung.

„Unsere Schule hat Betriebsverbot nach dem 13. März erhalten. Und da das Praktikum Bestandteil der schulischen Ausbildung ist,
gilt das Betriebsverbot auch für dessen Fortführung“, erläutert Schulleiter Ludger Mehring die Gründe. Dabei hätten beide Schüler
gern weitergearbeitet, zumal es sich bei diesem Praktikum um ihren Neigungsbereich handelt. In den Kindergärten sind zwar ohnehin
kaum noch Kinder, aber „ich hätte mich gern für eine Notbetreuung zur Verfügung gestellt“, sagt die angehende Erzieherin aus Lingen-
Biene. Bahns, der in der Jugendpflege tätig ist, wäre von seiner Arbeitskraft her auch gern gesehen worden, denn durch den Wegfall
von Schulunterricht, Ausbildungswerkstätten etc. sind die Bewohner seiner Jugend-WG viel mehr zu Hause als gewöhnlich. Doch:
Es ist nicht gestattet.

Doch der Abbruch des Praktikums ist nicht die einzige Konsequenz, die das Coronavirus für das Erzieherexamen bedeutet. Da das
ursprünglich auf neun Wochen ausgelegte Praktikum nach nur zwei Wochen abgebrochen werden musste, kann nun auch die prak-
tische Prüfung nicht mehr in der Form durchgeführt werden. „Wir werden eine praktische Prüfung sozusagen unter Laborbedingungen
ausarbeiten“, meint Mehring.

Die Schüler sollen eine Art Planspiel ausarbeiten, und auf dieser Grundlage werden sie dann geprüft. Außerdem fallen die Deutsch-
Examensklausur und das Kolloquium zur Facharbeit weg. Die Gründe dafür liegen darin, dass das Kultusministerium beschlossen hat,
die Ausbildung für die Erzieher jetzt um anderthalb Monate zu kürzen.

Die angehenden Erzieher sollen dem Arbeitsmarkt zwei Monate früher zur Verfügung stehen. Insbesondere im Bereich der Jugend-
pflege, also dem Bereich, auf den sich Bahns spezialisiert hat, werden die Fachkräfte dringend gebraucht. Aber auch in den Kinder-
tagesstätten werden, sobald der Betrieb wieder ausgeweitet wird, vermehrt Erzieherinnen benötigt. Rohoff kann ab dem 1. Juni –
also genau zwei Monate früher als ursprünglich geplant – ihre Arbeitsstelle am Kindergarten St. Franziskus in Lingen antreten, zu-
nächst als Schwangerschaftsvertretung und ab dem 1. August dann regulär.

Den Arbeitsvertrag dazu hatte sie vor ein paar Wochen unterschrieben. Auch Bahns hat eine Stelle in Aussicht, die er voraussichtlich
schon am 1. Juni antreten kann. Die Bezahlung entspreche auch in diesen zwei Monaten bereits der von Erziehern, ist Mehring wichtig
zu betonen.

Und wie geht es jetzt bis zum 31. Mai an der Fachschule in Laxten weiter? Ab Montag werde jeweils die Hälfte der Klassen unterrichtet.
Immer abwechselnd sollen die Schüler in das Schulgebäude kommen, unterrichtet stets im Klassenverband.

Klassenübergreifende Arbeitsgemeinschaften und Ähnliches sind nicht mehr möglich. Eine flächengreifende Ansteckungsmöglichkeit
soll somit vermieden werden. In den Wochen seit dem 13. März hat sich der Lehrkörper in die neue Situation eingearbeitet. „IServ“
heißt das Stichwort. Das ist eine Lernplattform, in die sich Mehring und seine Kollegen einfuchsen mussten. Auf dieser Lernplattform
kann man auch Diskussionschats etc. mit der gesamten Klasse durchführen.

Schüler dürfen durch die Corona-Situation nicht benachteiligt werden, so sei aus einem ministerialen Erlass zu erfahren. Ein Beispiel:
Rohoff, die als optionales Lernangebot noch Religionspädagogik gewählt hatte, hätte auch hierfür eigentlich noch praktische Zeiten
absolvieren müssen. Den Zusatzabschluss als Religionspädagogin wird sie dennoch erhalten. „Das kriegen wir hin“, macht Mehring Mut.

Und der Abschluss als solcher? Die Fachschule St. Franziskus hat ihre Absolventen immer sehr feierlich verabschiedet. Dieses Jahr
wird alles anders sein. Wie genau, das ist noch unklar. Die Schüler hatten sich auf ihre Abschlussfete schon so richtig gefreut, zumal
sie dafür im Februar 2500 Euro bei „FFN zahlt Ihre Rechnung“ gewonnen hatten. Ob wohl das Abendkleid, das Rohoff sich vor Kurzem
gekauft hatte, in diesem Jahr noch aus dem Schrank geholt wird?

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Telefon:0591 912 19 11
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